Oberreute
Eine erste Besiedelung der Oberreuter Flur wird im 11. Jahrhundert angenommen. Bis ins Jahr 1796/97, als die erste Pfarrei errichtet wurde, gab es nur die Geschichte der einzelnen Ansiedlungen, die später unter dem Ortsnamen zum „Pfarrdorf“ Oberreute verbunden wurden. Mit der Burg Ihlingshof und der Burg Längene gab es zwei Burganlagen in Oberreute, beide sind heute verschwunden, ein Sinnbild für die vielen gekommenen und gegangenen Herrscher, denen die Oberreutener unterstanden. Besonders markant war dabei, weil bis heute andauernd, Herrschaftswechsel weg vom Habsburgerreich hin zu Bayern ab dem Jahr 1806. Während Vorarlberg in Folge wieder zu Österreich kam, blieb das „Landgericht Weiler“ bei Bayern und somit auch Oberreute. Es war fortan Grenzort: die Nachbargemeine Sulzberg ist bereits Österreich.
Durch viele Jahrhunderte änderte sich das Gesicht von Oberreute kaum. Die Anzahl und das Aussehen der Häuser blieb nahezu konstant, die Bevölkerung war überwiegend bäuerlich, Viehzucht und Milchwirtschaft prägten die Kulturlandschaft. In den 1950er Jahren begann allerdings eine starke Förderung des Fremdenverkehrs und der Bautätigkeit, so dass sich das Dorf zu einem gefragten Wohn- und Tourismusort mit wenigen, aber immer größer werdenden landwirtschaftlichen Betrieben entwickelte.
Die schon erwähnte Pfarreigründung fiel in die Jahre der Aufklärung, in der es eines starken Willens bedurfte, eine selbständige Pfarrei zu werden und eine Kirche neu zu bauen. Die finanzielle Lage war schwierig, am kaiserlichen Hof in Wien war eine Genehmigung nur schwer zu bekommen und auch die Loslösung von der Mutterpfarrei Weiler wurde von dort erschwert, wäre sie doch zu Lasten dieser Pfarrei gewesen. Am 15. Juni 1796 allerdings erteilte nach langen Bemühungen der Kaiser in Wien die Erlaubnis zur Errichtung einer „Lokalkaplaney“. Als es jedoch zur Wahl des Bauplatzes der Kirche kam, machte sich die ursprüngliche Zergliederung des Dorfes wieder bemerkbar: Wo sollte das Gotteshaus stehen? Erst am 31. Januar 1797 stand die Entscheidung fest und der lange schon vorbereitete Kirchenbau konnte begonnen werden. Die Weihe der neuen, mit viel Eigenleistung errichteten Kirche erfolgte am 28.10.1797. Seither ist Oberreute eigenständige Pfarrei, heute Teil der Pfarreiengemeinschaft Weiler.
Das Kirchengebäude ist ein frühklassizistischer Saalbau, in dessen nördlichem Chorwinkel der etwas gedrungen wirkende Turm steht, der ursprünglich nur 11,5 Meter hoch war, aber 1903 um 4,75 m erhöht wurde. In ihm hängen sechs Glocken, wobei vier aus dem Jahr 1965 stammen und als Ersatz für die im Krieg eingezogenen gegossen wurden, zwei Glocken sind historisch und stammen aus dem Jahr 1798. Sie haben auf wunderbarerweise das Einschmelzen für Kriegszwecke überstanden. Die Orgel aus dem Hause Steinmeyer wurde 1993 einer umfassenden Renovierung unterzogen.
Aus der Zeit des Kirchenbaus stammen die Kanzel, die Abpostelbilder und –leuchter, sowie das Altarbild, das in Öl die Bußpredigt des Täufers Johannes zeigt. Die ursprünglichen Altäre wurden bereits1852 durch neuromanische ersetzt, jedoch bei den folgenden Restaurierungen wieder im ursprünglichen klassizistischen Stil hergestellt. Bemerkenswert ist, dass der rote Marmor-Altar des Hochaltars aus der Marienkapelle des Augsburger Domes stammt. Auf dem linken Seitenaltar steht die Figur der Gottesmutter Maria, auf dem Rechten die des hl. Martin, beide seit 1865 in der Kirche. Das „Vesperbild“ unter der Kanzel ist aus Eichenholz geschnitzt und kam 1838 in die Kirche. Das Deckengemälde „Martin und der Bettler“ stammt aus dem Jahr 1952, das der „Heilgsten Dreifaltigkeit“ ist von 1982.
Quelle: Heinz Mößlang: Oberreute. Land und Leute gestern und heute. Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg. 1. Auflage 2015.


